RBB Brandenburg

Sendung vom 21.05.2003 Beitrag von Uta Greschner

Wunderwurzel – Das Geheimnis der Teltower Rübchen

Großes „Achtung“ für ein kleines Rübchen! Das Teltower Rübchen. Edel auch ohne Zucht. Eine in Bauerngärten vermehrte Landsorte mit ungewöhnlich gutem Ruf. Beliebt wegen ihres herzhaften, pikanten Geschmacks. Schon in vergangenen Jahrhunderten waren Rübchen aus Teltow an vielen Herrscherhäusern Europas begehrt.

Napoleon ließ sie sich kommen und bewirtete seine Gäste damit. Teltower Rübchen gingen auch nach Sankt Petersburg an den Hof des Zaren. Und Dichterfürst Goethe bestand alljährlich im Herbst auf ihrer pünktlichen Lieferung.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts gerieten diese unscheinbaren Rübchen dann allmählich in Vergessenheit, weil ihre Pflege viel Handarbeit verlangt, die durch moderne Technik bis heute nicht zu ersetzen ist. Erst vor einigen Jahren besannen sich zwei Bauern aus der Region Teltow wieder auf das heimische Kohlgewächs. Seither nimmt jedes Jahr zur Erntezeit, Anfang Oktober, auch die Öffentlichkeit von den Rübchen Notiz.

O-TON Günter Duwe

Rübchenexperte
„Ganz typisch, diese vielen Nebenwurzeln, alles andere was glatt, wie rasiert aussieht, sind falsche Rübchen.“

Und deshalb Werbung überall. Das echte Teltower Rübchen soll, wie einst, als Edelgemüse wieder begehrt werden. Seit kurzem, und wer hätte das gedacht, sind die Rübchen sogar ein Fall für die Wissenschaft.

O-TON Dr. Ilona Schonhof

Diplomgärtnerin, Großbeeren
„Anbauer und regionale Verbände mussten, um die Herkunft des Teltower Rübchens patentrechtlich schützen zu lassen, nachweisen, wie sich diese Rübchen von anderen im Handel befindlichen Rübchen unterscheiden. Deshalb sie an uns herangetreten, die Rübchen zu analysieren. Uns interessierte, welche Inhaltsstoffe enthalten sind, und hier vor allen Dingen gesundheits- und geschmacksbeeinflussende.“

Gleich mehrere Arbeitsgruppen gingen vor drei Jahren im Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Großbeeren daran, die Geheimnisse des Teltower Rübchens zu ergründen. Der Rübchenvergleich für den Patentschutz drängte dabei am meisten. Immerhin erarbeiteten die Fachleute mehr als 30 messbare Kriterien, um die echten Teltower von den falschen zu unterscheiden. Form, Farbe, Geschmack all das wurde getestet. Köche, Gastronomen und auch ganz normale Verbraucher gaben zu Protokoll, was ihnen auf der Zunge lag.

O-TON Dr. Bernhard Brückner

Agraringenieur, Großbeeren
„Entscheidend ist beim Teltower Rübchen einmal die Form, die Größe. Sie soll nicht zu groß sein. Der bartige Wurzelbewuchs, die cremeweiße Farbe. Im Geschmack geht´s vor allem um eine gewisse Schärfe, rettichähnliche Schärfe, die kombiniert ist mit einem Süßeindruck und auch einer Note nach gekochten Kartoffeln.“

Spurensuche nach den Inhaltsstoffen. Die Rübchen tiefgefroren, zerkleinert und aufgelöst, gaben schließlich ihre feinsten Bestandteile preis. Nicht nur Zucker fand man in den Teltower Rübchen, sondern auch zwölf verschiedene Glucosinolate, bioaktive Substanzen, von denen man annimmt, dass sie die Bildung von Krebszellen verhindern. Was aber fängt man mit diesem Wissen an?

O-TON Dr. Ilona Schonhof

Diplomgärtnerin, Großbeeren
„Seit wir herausgefunden haben, was in den Rübchen steckt, sind wir noch einen Schritt weiter gegangen und haben pflanzenbauliche Versuche angelegt. Wir wollen herausfinden, welche Faktoren, Qualität und Ertrag beeinflussen ohne den Geschmack der Rübchen zu verändern. Und erste Ergebnisse zeigen, dass auf leichten Sandböden durch gezielte Stickstoffversorgung in Kombination mit Bewässerungssteuerung dieses Ziel erreicht werden kann.“

Die jüngsten und wohl spektakulärsten Rübchen-Forschungen sind in diesem Frühjahr in den Großbeerener Gewächshäusern angelaufen. Die Wissenschaftler wollen die wertvollen Inhaltsstoffe aus den Rübchen schonend gewinnen, sie über ihre Wurzeln melken. Denn die nehmen nicht nur Nährstoffe auf sondern geben ständig Zucker, Säuren und eben auch bioaktive Substanzen ab.

Noch fehlen technische Lösungen, um die gefragten Inhaltsstoffe in ausreichender Menge zu gewinnen. Erst dann aber wären sie interessant als gesunder Lebensmittelzusatz oder gar für eine Pille zur Krebsvorbeugung. So müssen wir uns vorerst mit den Rübchen pur begnügen, wenn sie zu haben sind im Oktober.

Ein Schnellgericht für den Gourmet: Teltower Rübchen in Butter schwenken, in Brühe dünsten und mit etwas Karamellzucker verrühren. Ein Hochgenuss und auch gesund, wie man von der Wissenschaft nun bestätigt weiß.